18 November 2013

☆Interview☆ Karin Slaughter


„Wussten Sie, dass Karin Slaughter einen Schlafanzug- hosen-Tick hat?“


Interview mit Karin Slaughter  zu  „Letzte Worte“

Bitte geben Sie uns eine kurze Biografie von sich:
Ich bin ein Mädchen der Südstaaten – und das sagt eigentlich schon alles. Ich habe mein Studium abgebrochen, weil ich endlich Geld verdienen und für mich selbst sorgen wollte. Für ein paar Jahre war ich Unternehmerin und habe eine Firma für Beschilderungssysteme geführt, die ich aber irgendwann verkauft habe. […] Ich habe die „Rettet die Bibliotheken“-Kampagne federführend geleitet und fast 200.000 US-Dollar an Spendengeldern für die sträflich untersubventionierten amerikanischen und britischen Bibliotheken gesammelt. Ich liebe Fernsehen und Kino – und Lesen. Und ich bin (in der Tiefe meines Herzens) ein Papakind.

Wie kamen Sie zum Schreiben?
Als Kind bin ich unter Bücherbergen schier untergegangen, als ich im Sommer vor der Hitze im einzigen klimatisierten Raum meiner Heimatstadt Zuflucht suchte – in der Bibliothek. Von da an war ich eine begeisterte Leserin und habe von der Encyclopaedia Brown über Nancy Drew, Vom Winde verweht und den Dornenvögeln, Wer die Nachtigall stört, Sturmhöhe bis Geh zurück zu deiner lieben Frau von Kurt Vonnegut alles gelesen. Meine erste Kurzgeschichte schrieb ich mit sechs Jahren – und ich habe seither nichts lieber machen wollen.

Wie finden Sie Ihre Themen?
Ich liebe meine Heimatstadt Atlanta. Wie in allen Großstädten gibt es leider auch hier Kriminalität. Als Thrillerautorin ist das allerdings gar nicht schlecht – nur muss ich mir immer klar darüber sein, dass die Verbrechen, über die ich schreibe, tatsächlich passiert sind. Und ich schildere sie niemals genau so, wie sie stattgefunden haben, ich ändere Details und erfinde Dinge neu, weil ich aus dem Leid, das anderen zugestoßen ist, kein Kapital schlagen mag. Irgendjemand da draußen ist schließlich ein Opfer echter Gewalt geworden. Und diese Gewalt hat auch Einfluss auf die Familie des Opfers, auf seine Umgebung, auf die Polizisten, die in dem Fall ermitteln, auf die Kriminalreporter, die darüber berichten … Sie alle müssen damit klarkommen, dass das Leben eines Menschen entweder ausgelöscht oder zumindest radikal verändert wurde.

An welchem Buch arbeiten Sie gerade?
Da will ich nicht zu viel verraten … aber in 2013 wird – zumindest in den USA – Will Trent undercover gehen, was ihm diverse Schwierigkeiten einhandelt, nicht zuletzt weil er zum Beispiel ausgerechnet Lena Adams unter die Lupe nehmen muss.

Haben Sie ein Lebensmotto?
„Sobald du sie draußen trägst, sind es keine Schlafanzughosen mehr.“

Was ist für Sie die optimale Entspannung?
Ich wandere zwischen meiner Küche und meinem Wohnzimmer hin und her.

Fünf Dinge, die wir noch nicht über Sie wissen:
1. Lieber Kuchen als Wein.
2. Wenn ich nur noch Schlafanzughosen tragen dürfte – ich würde es tun.
3. Was immer mit Bacon kommt, ist gut.
4. Wenn ich keine Schriftstellerin wäre, würde ich gerne Uhrmacherin sein.
5. Ich liebe Hunde, leider bin ich zu beschäftigt, um mir einen eigenen zuzulegen.

Können Sie uns etwas zu Ihrem aktuellen Roman erzählen?
Für mich beginnt ein Roman immer mit einer Figur statt mit einer Geschichte. Ich weiß, dass irgendetwas Schlimmes passieren wird, aber die zentrale Frage, die ich mir zuallererst stelle, ist: Wie werden meine Charaktere reagieren? Ich habe meinen Grant-County-Figuren über die Jahre ziemlich viel zugemutet. Jeffrey, Sara und Lena haben sich seit meinem ersten Roman „Belladonna“ entsprechend auch ziemlich verändert. Sie sind miteinander durch schwere Zeiten gegangen, sind zusammengewachsen und haben sich auseinandergelebt, und sie haben mir selbst dabei geholfen zu verstehen, dass ein Verbrechen nicht nur Menschen verändert, sondern deren komplettes Umfeld.

Als ich in der Atlanta-Serie angefangen habe, über Will Trent zu schreiben, wollte ich diesbezüglich noch einen Schritt weitergehen. Als Sonderermittler des Georgia Bureau of Investigation wird Trent zu Fällen gerufen, in denen die örtliche Polizei nicht ermitteln kann oder aus irgendwelchen Gründen nicht ermitteln will. Er muss nicht nur den Täter stellen, sondern auch mit unter-
schiedlichen – mitunter großen – Egos klarkommen, beispielsweise in „Letzte Worte“: Hier muss Will Trent einen Selbstmord in Polizeigewahrsam aufklären. Dabei gerät er nicht nur mit Lena Adams und Frank Wallace aneinander, sondern enthüllt auch ein Verbrechen, vor dem so gut wie alle die Augen verschlossen haben.

Will Trent mit Sara Linton zusammenzubringen, war eine tolle Erfahrung für mich. Für „Tote Augen“ habe ich erst Sara nach Atlanta versetzt. Da ich selbst dort lebe, stand die Szenerie mir plastisch vor Augen. Ich musste nur noch Kleinigkeiten für sie neu arrangieren. Will Trent im Gegenzug ins Grant County zu versetzen, war eine Herausforderung. Immerhin hatte ich diese Welt längst entworfen, sie hat sich über acht Romane weiterentwickelt, und ich musste Mittel und Wege finden, sie für die Langzeit-Fans auf neue Weise spannend zu gestalten. Einen Fall zu schildern, der sowohl spannend als auch plausibel war, war wie eine Achterbahnfahrt für mich. Ich hoffe, dass dieser Fall (und die Figurenkonstellation) meinen Lesern ebenso gefällt wie mir!

Wie würden Sie Ihren Roman in einem Satz beschreiben?
Dr. Sara Linton kehrt über Thanksgiving ins Grant County, Georgia, zurück und wird sofort in die Ermittlungen in einem Mord an einer Studentin hineingezogen. Sara ruft Will Trent vom GBI zu Hilfe. Es wird für Will zu einer Gratwanderung zwischen Saras persönlicher Vendetta gegen Detective Lena Adams und dem Mordfall, der immer verwirrender zu werden scheint, je tiefer Will in den Geheimnissen der ländlichen Gemeinde gräbt.

Was hat Sie dazu inspiriert, diesen Roman zu schreiben?
Womöglich liegt es an meiner Herkunft aus den Südstaaten, dass mich gebrochene Charaktere besonders faszinieren. Es sind unsere Macken, die uns interessant machen. Als Kind nahm meine Großmutter mich nach der Kirche oft zur Seite, zeigte auf unsere Nachbarn und flüsterte mir deren Geheimnisse ein. Und ich wollte immer noch mehr wissen – was hatte sie zu den Menschen gemacht, die sie waren? Warum verhielten sie sich so und nicht anders? Als Autorin bereitet es mir den größten Spaß, wenn ich ein vermeintliches Geheimnis als Lüge enttarne.

Haben Sie eine Lieblingsfigur?
Will Trent. Ihm fühle ich mich besonders verbunden.

Welche Szene war am schwierigsten zu schreiben?
Am schwierigsten sind für mich die Szenen mit Will und Sara. Ich weiß, dass meine Leser besonders mit Sara mitfühlen und ihre Vergangenheit kennen. Und mit dieser Vergangenheit muss ich sorgsam umgehen und zugleich die Option auf eine hoffnungsvollere Zukunft bewahren.

Welche Leser sprechen Sie mit Ihrem Buch an?
Ich glaube, dass meine Leser ebenso vielschichtig und unterschiedlich sind wie mein eigenes Leseverhalten.

(Quelle: Karin Slaughter)